JÜRGEN AHRENS - KONZEPT UND TEXT

Strategien, Konzepte, Kampagnen, Ideen, Text & Ton -
Ihr erfahrener freier Werbetexter und Autor in München

DENGLISCH

Wie ihr uns, so wir euch – eine Lanze für die Anglizismen

 

Neulich in einem Management Meeting: „Bei unserer neuen Business Unit stimmt der Return on Investment noch nicht. Die generiert zu wenig Cash Flow, da muss die Performance besser werden. Vor allem braucht die Marketing Message mehr Impact, sonst fehlt dem Customer Benefit die Credibility.


Übertrieben? In dieser Häufung sprachlicher Aliens vielleicht, aber grundsätzlich ist die Invasion aus dem angelsächsischen Raum nicht zu leugnen. Und sind wir Deutschen nicht die einzigen Luschen unter den Weltnationen, die permanent fremden Wortgebilden erlauben, unsere schöne Muttersprache zu unterwandern und zu verhunzen? Ist es also ein typisch deutscher Charakterzug, dass wir uns bereitwillig von Wogen ausländischer Wörter überrollen lassen? Überspitzt gefragt: Talken wir irgendwann alle nur noch Denglish?


Immer mit der Ruhe, wait and drink tea. Zum einen entstammt das Eingangsbeispiel nicht der Alltagssprache, sondern einem Fachjargon (oder, um beim Englischen zu bleiben, dem business speak). Zum anderen –  und das ist ein gewichtigerer Einwand –  sind Übernahmen aus der jeweils angesagten Welt- und Modesprache weder ein typisch deutsches noch ein aktuelles Phänomen. Derlei Importe finden sich vielmehr in allen Epochen, Ländern und Sprachen, seit die Menschheit das Sprechen gelernt hat. Aufgrund der Verbreitung des Englischen sind es heute eben überwiegend Anglizismen, und auch das gilt für praktisch alle Länder auf der Welt. Selbst das Französische wimmelt heute von britisch-amerikanischen Einsprengseln – da kann die Académie française, eifersüchtige Hüterin der gallischen Sprachreinheit, noch so energisch dagegen anstrampeln. Um nur einige der gebräuchlichsten Beispiele zu nennen: bébé (baby), budget, bulldozer, camping, chèque, cocktail, cool, cracker, déodorant, dufflecoat, fitness, flirter, football, goal, hamburger, know-how, match, overdose, parking, pull-over, reporter, sandwich, slogan, stop, tank, ticket, week-end. Oder gar bifteck (= beefsteak) –  ein Reimport aus Großbritannien, ursprünglich eine Kombination aus dem französischen bœuf und dem englischen steak.


Das letztgenannte Beispiel zeigt aber auch die Integrationsfähigkeit der Fremdlinge (und die Integrationswilligkeit der „Aufnahmeländer“): Häufig werden Fremdwörter lautlich eingemeindet, wandeln womöglich ihre Schreibweise und werden so zu Lehnwörtern, die kaum noch jemand als ausländisch empfindet. Das gilt natürlich auch für Deutschland. Es gibt reihenweise Belege dafür, wie elegant sich Anglizismen in unsere Sprache eingefügt und sie um neue Ausdrucksmöglichkeiten erweitert haben: Man denke nur an das Baby, den Frack (frock) das Hobby, den Humbug, die Jacht (yacht), den Keks (cakes), den Koks (cokes), den Kräcker (cracker), den Kutter (cutter), das Labskaus (lobscouse), das Logbuch (logbook), die Lokomotive (locomotive), den Lotsen (loadsman), den Rekorder (recorder), den Sport (ursprünglich aus dem Französischen), den Scheck (cheque), den Streik (strike), den Straps (strap), den Tank oder den Windjammer. Wieder andere tragen zur Trennschärfe bei –  wie etwa der englische Analyst, der sich vom deutschen Analytiker dadurch unterscheidet, dass er auf börsennotierte Unternehmen spezialisiert ist. Oder die Pipeline: Sie dient, wie jeder weiß, dem Ferntransport von Erdöl oder Erdgas, während durch eine Rohrleitung alles Mögliche fließen kann. Der Fan als sozialverträglichere Spielart des Fanatikers sollte uns ebenfalls willkommen sein. Und dass es hacken in zwei Versionen gibt, erlaubt sogar eine rein lautliche Differenzierung: Wenn das Wort englisch ausgesprochen wird, hat es bekanntlich nichts mit Brennholz zu tun, sondern mit dem unbefugten Eindringen in fremde Computersysteme. Interessant ist diesbezüglich auch der gleich zweimal ins Deutsche übernommene cutter: Als Kutter dient er zum Fischfang, als Cutter ist er ein Mensch und schneidet Filme.


Englische Verben wiederum werden kurzerhand mit deutschen Endungen versehen und somit konjugiert, als wären sie gebürtige Deutsche: joggen, joggte, gejoggt; streiken, streikte, gestreikt; scrollen, scrollte, gescrollt; sponsern, sponserte, gesponsert; testen, testete, getestet; zappen, zappte, gezappt und so fort. Ähnliches ist bei der Beugung von Substantiven zu beobachten: So werden Managers zu Managern, Detectives zu Detektiven, Websites zu Webseiten und Boxes zu Boxen; der Short Message Service (SMS) mutiert zum Simsen, und in der TV-Übertragung des Derbys zeigt man die Nahaufnahme eines Fouls. In dieser sprachlichen Knetkunst gleichen wir auf unsere Weise den Litauern, die nahezu jedes importierte Substantiv mit ihrer eigenen Duftmarke versehen („Internetas“) und selbst vor fremden Eigennamen nicht halt machen (Volfgangas Amadejus Mocartas, Frydrichas Šileris, Johanas Wolfgangas Gėte). Na bitte, so sieht gelungene Integration aus!


Oder nehmen wir den sogenannten „Erikativ“: Ohne den von der Übersetzerin Erika Fuchs ersonnenen Trick, deutsche Verben durch Weglassen der Endung einfach der englischen Indikativform anzupassen (Schwirr! Kreisch! Bibber!), würde heute kaum noch ein deutscher Comic funktionieren. Das gilt beileibe nicht nur für Walt Disneys Paralleluniversum von Enten und Mäusen.


Kurz gesagt: Es ist an der Zeit, eine Lanze für die Anglizismen zu brechen. Gäbe es sie nicht, hätten wir mit etlichen Zungenbrechern zu kämpfen wie dem Verkaufsschlager, dessen Sperrigkeit ihn gegenüber dem Bestseller oder gar dem Hit mit Recht zum Ladenhüter gemacht hat. Einen Säuglingsfernsprecher anstelle des Babyphones dürfte sich auch niemand ernsthaft wünschen. Außerdem wären wir in vielen Situationen buchstäblich sprachlos – oder wer wüsste eine präzise deutsche Entsprechung für Wörter wie Adapter, Aftershave, Bar, Blues, Drops, Fairness, Fan, Film, Fitness, Flipper,  Foul, Gag, Gangster, Mobbing, Motel, Sexappeal, Slang, Smog, Talkshow, Team, Trend, Yuppie oder Zoom? Eben, es gibt keine! 


Gleiches gilt für importierte Adjektive wie cool, fesch (von fashionable), fit, groovy, hip, high, live, out, sentimental, sexy oder smart. Oder nehmen wir die Verben: Was täten wir, wenn wir nicht boxen, browsen, flirten, parken, rocken, scannen, spurten, surfen, swingen, steppen, tanken und tippen könnten?
Wollten wir all diese Wörter abschaffen, dann würden in der deutschen Sprache ziemlich viele schwarze Löcher klaffen. Und überhaupt, wie die Münchner Autorin Ageliki Ikonomidis treffend schreibt: „Begännen wir erst mit derlei Aufräumarbeiten, was täten wir dann mit den französischen, lateinischen und sonstigen fremdsprachigen Begriffen?“*


Dem Unfug wesentlich näher kommt da schon die 1:1-Übernahme fremdsprachiger Wortkombinationen oder Redewendungen als Holperdeutsch – wie etwa „welcome back“ als „Willkommen zurück“. Aua! Da belassen wir’s im Zweifelsfall doch lieber beim Original.


Im Übrigen, wie eingangs schon angesprochen, ist das Übernehmen und Entlehnen von Fremdwörtern natürlich keine Einbahnstraße, sondern verläuft in beide Richtungen. So sind auch aus Deutschland ganze Heerscharen von Wörtern in die verschiedensten anderen Länder gereist und dort heimisch geworden. Gerade im Englischen (das doch angeblich unsere eigene Sprache so sehr infiltriert) finden sich Hunderte deutscher Fremdwörter, die ganz selbstverständlich im Alltag benutzt werden. Um nur einige der populärsten Beispiele zu nennen –  quer durchs Alphabet: 

Angst, Ansatz, Aufklarung (Aufklärung), Dollar (Taler), Doppelganger (Doppelgänger), Dreck, Edelweiss, Entscheidungsproblem, Fleece (Vlies), Foehn, Gemuetlichkeit, Glockenspiel, Hamburger, Heiligenschein, Iceberg (Eisberg), Kindergarten, Kitsch, Lager, Lammergeyer (Lämmergeier), Lebensraum, Leitmotiv, Lied, Mittelstand, Ohrwurm, Panzer, Poltergeist, Pretzel (Brezel), Quartz (Quarz), Rucksack, Sauerkraut, Schadenfreude, Schnitzel, Sitz bath (Sitzbad), Spiel, Umwelt, Walzer, wunderbar, Verbund, wishy-washy, Wunderkind, Zeitgeist. Auch sprachlich sind wir also eine durchaus erfolgreiche Exportnation –  dieses Privileg hat keineswegs das Englische allein.


Interessanterweise sind auch immer wieder gegenläufige Entwicklungen zu beobachten: Kommen Fremdwörter aus der Mode, treten wieder heimische Vokabeln an ihre Stelle, ersatzweise auch konkurrierende Begriffe aus einer neu auftrumpfenden Modesprache. So wurde aus der französischen Reklame die Werbung, aus der Chaussee die Landstraße, aus dem Volant das Lenkrad, aus dem Trottoir der Bürgersteig und aus dem Parterre das Erdgeschoss. Ebenso lässt sich der Wandel vom einstmals schwer angesagten Französisch zum Englischen an zahlreichen Beispielen ablesen: Da haben wir die Ablösung des Potpourris durch das Medley, des Billets durch das Ticket, des Bankiers durch den Banker, des Rendezvous durch das Date oder der Garderobe durch das Outfit. Nicht viel besser ergeht es manchen italienischen Begriffen: Das altgewohnte Konto beginnt neben dem Account schon etwas runzlig auszusehen. Die Fermate als klassische Atempause hat in der Jazz- und Popmusik vor dem Break kapituliert. Selbst die lateinische Agenda hat derzeit einen schweren Stand gegen die To-do-List, und wer weiß: Vielleicht wird das französische Büro (bureau) eines Tages zum englischen Office –  leichte Tendenzen in diese Richtung sind jedenfalls schon bemerkbar.


Allerdings kann die eigene Muttersprache auch hartnäckig sein: Viele Fremdwörter setzen sich gar nicht erst durch, selbst wenn es aufgrund ihrer Kürze und Handlichkeit naheläge. So weicht zwar die deutsche Pauschale zunehmend der englischen Flatrate, aber der Flatscreen hat gegen den Flachbildschirm keine Chance, ebenso wenig das Uploaden gegen das Hochladen oder der Penalty gegen den Strafstoß (außer beim Hockey). In anderen Fällen kommt es zur dauerhafter Koexistenz: Raumfähre und Space Shuttle, Rechner und Computer, Bildschirm und Monitor, Hubschrauber und Helikopter, Gewinn und Profit, düsen und jetten, herunterladen und downloaden sind gleichermaßen geläufig –  um nur einige Beispiele zu nennen.


Unter dem Strich bleibt die Erkenntnis: Die Durchmischung der eigenen Sprache mit „Fremdwörtern“ ist durchaus keine typische Untugend unserer heutigen deutschen Gesellschaft, sondern ein uralter Grundzug der menschlichen Kommunikation. Also cool down, liebe Sprachwächter – ihr seid und wart schon immer selber Teil der linguistischen Völkerwanderung.

 

* Ageliki Ikonomidis: Anglizismen auf gut Deutsch, Hamburg 2009.

Druckversion Druckversion | Sitemap
© Jürgen Ahrens | Freier Werbetexter und Autor aus München | Impressum

Anrufen

E-Mail